Exmoor-Ponys auf großen Weiden

PFERDE ANWEIDEN

In meinem Buch „Im Kreis der Herde“ schreibe ich: „Es macht mich traurig, dass es das Wort Anweiden überhaupt gibt." Tatsächlich ist Anweiden ein künstlicher Begriff, den weder der Duden noch Wildpferde kennen.

Doch liegt es wirklich nur daran, dass Wildpferde den Begriff "Anweiden" nicht kennen, dass sie nicht die Probleme haben, die viele Hauspferde im Frühjahr bekommen?

Berechtigterweise haben Pferdehalter Sorge, dass ihre Pferde zu Beginn der Weidesaison Hufrehe, Koliken oder Kotwasser bekommen. Denn es ist absolut richtig, dass jede Futterumstellung eine Belastung für Pferde darstellt. Pferde sind Gewohnheitstiere und das übrigens nicht nur beim Futter. Mehr dazu kannst du im Blogartikel über die Routinen der Pferde lesen. Bleiben wir beim Fressen.

Wildpferde sind es gewohnt, das ganze Jahr über nach Nahrung zu suchen. In einigen Gebieten ist ihre Futtersuche mühsam. Die Böden sind karg und nährstoffarm, sodass die Pferde nicht nur größere Distanzen zurücklegen, sondern die Pflanzen auch nicht so viel Energie enthalten. Dieses Bild wird uns Pferdebesitzern gern als normal suggeriert.

Doch es gibt auch sehr viele Wildpferde, die ohne Probleme in sehr üppig bewachsen Lebensräumen leben. Warum also haben Hauspferde Probleme mit ihrem "Lebensraum"?

Sträucher und Bäume als Nahrung für Pferde

So sieht ideales Weideland für Pferde aus.

DIE FUTTERMENGE

Eine solide Hauspferdekoppel von drei bis vier Hektar entspricht in der Natur der durchschnittlichen Größe eines Schlafplatzes, während sich die Weidegebiete bei normaler Vegetation über eine Fläche von circa 150 Qkm erstrecken. Und selbst bei üppigem Bewuchs in gemäßigten Klimazonen bewegen sich Wildpferde in einem Kerngebiet von mindestens 50 Qkm, sodass gerade im Frühjahr mehr als genug Nahrung vorhanden ist. Die Menge an Pflanzen kann also kein Problem für Pferde sein. Warum begrenzen denn trotzdem so viele Reiter die Futtermenge ihrer Pferde?

FEHLENDE VIELFALT

Wann bekommen wir Menschen ernährungsbedingte Probleme? Wenn wir zu viel Biogemüse essen oder eher wenn wir jeden Tag Fast Food, Cola, Schokolade und Chips in uns reinstopfen?

Tatsächlich sind viele unserer Weiden "zivilisiert" und damit nichts anderes wie Fast Food für Tiere. Statt Vielfalt finden wir nur noch eine handvoll bestimmter Grassorten. Diese Gräser wurden aber für sogenannte Hochleistungsrinder gezüchtet. Diese Milchkühe sollen schnell viel Energie aufnehmen, damit sie mehr Milch geben und diese einen höheren Fettgehalt hat.

Mittlerweile ist die Industrialisierung in der Landwirtschaft schon so weit fortgeschritten, dass viele Rinder nicht mehr auf die Weide kommen, sondern fast nur noch im Stall stehen und dort mit Gras versorgt werden. Dort dürfen sie fressen und Milch geben. Ihr Gras wird optimiert, auf externen Flächen angebaut, geerntet und den Rindern auf sogenannten Futtertischen in den Stallungen vorgesetzt. Selbst in vielen Betrieben der biologischen Landwirtschaft ist das fast identisch. Nur, dass die Pflanzen nicht gespritzt wurden und die Rinder zwei Stunden pro Tag ins Freie dürfen.

Traurigerweise erleben wir über den Winter bis weit ins Frühjahr hinein in vielen Pferdeställen eine ähnliche Haltungs- und Fütterungsmethode - trotz zunehmender Aufklärung.

Garrano

Im Winter finden Wildpferde unter Büschen eisfreie Nahrung.

junges Wildpferd

Ein Jährling sucht im April nach Moosen und Kräutern.

Stute

Junge Triebe sind im Frühjahr beliebtes Energie-Futter.

FREIHEIT FÜR ALLE

Die meisten Menschen konnten bis vor Kurzem nicht nachvollziehen, was ein solches Leben bedeutet. Aber eine kleine, wenn auch sehr humane Kostprobe, macht es uns hoffentlich mal bewusst, dass viele Tiere im ewigen Lockdown mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen und zugeteiltem Fast Food vom Lieferservice leben. Halleluja - und jetzt werden plötzlich die Türen geöffnet und alle stürzen sich auf noch mehr Fast Food und können unbegrenzt alles in sich reinstopfen, was sie wollen. Ok, ich weiß es ist ein etwas plakativer Vergleich. Aber was dabei wichtig ist: Es ist nicht gesund, plötzlich für längere Zeit künstlich begrenzt zu leben und dann schlagartig wieder vollen Zugriff auf alles zu bekommen. Ja, richtig - denkst du jetzt. Deshalb will ich mein Pferd ja im Frühjahr auch anweiden.

Gut, die ideale Lösung wäre natürlich, dass du deinen Pferden so viel Weideflächen bieten kannst, dass deine Pferde das ganze Jahr über ausreichend Nahrung in der Natur finden. Und dass du deinen Pferden ein so vielfältiges Nahrungsangebot zur Verfügung stellst, dass du keinerlei Zusätze füttern musst, weil deine Pferde freien Zugang zu allen Gräsern, Kräutern, Früchten, Sträuchern und Bäumen haben, die Pferde für eine gesunde Ernährung benötigen. Wie du deinen Stall, deinen Auslauf und deine Weide so umgestalten kannst, dass es einem natürlichen Lebensraum sehr nah kommt und du sogar eure gemeinsamen Aktivitäten wie Freiarbeit oder auch Reiten darin pferdefreundlich integrieren kannst, zeige ich dir übrigens ausführlich in den Modulen 9-12 der Masterclass. Und selbstverständlich auch, wie wir Kompromisse bei begrenztem Platzangebot finden können. Das Anweiden ist so ein Kompromiss.

Anweiden ist ein Kompromiss aufgrund von Platzmangel.

Marc Lubetzki

WEITERSTECKEN

Hatten Hauspferde eine längere Zwangspause, sollten sie auf jeden Fall langsam an neues Futter, in diesem Fall Gras gewöhnt werden. Zum Anweiden nutzen Pferdehalter verschiedene Methoden. Ein Klassiker ist das Weiterstecken von einem Elektrozaun. Diese Methode hat den Nachteil, dass die Pferde nur darauf warten, dass der Zaun weiter gesteckt wird und sich dann sofort auf das zur Verfügung stehende Gras stürzen. Der Vorteil für den Pferdebesitzer liegt darin, dass die Pferde nicht wieder rechtzeitig von der Weide geholt werden müssen und der Halter im Prinzip wieder nach Hause fahren kann - also praktisch keinen Zeitaufwand hat.

ZEITLICHE BEGRENZUNG

Etwas zeitaufwendiger ist dagegen die zeitliche Begrenzung vom Weidezugang. Die Pferde werden nur für eine bestimmte Zeit auf Koppel gelassen und kommen dann wieder zurück in den Auslauf. Nach meinen Informationen ist das die gängigste Praxis in den Ställen. Häufig wird dafür auch eine extra Weide genutzt. Die ist dann gerne auch etwas kleiner, damit man die Pferde überhaupt wieder einfangen kann. Denn die meisten Pferde wollen natürlich nicht nach kurzer Zeit wieder freiwillig zurück. An dieser Stelle ein kleiner Tipp: Wird zum Anweiden eine extra Fläche benutzt, die vielleicht auch nicht so groß ist, bietet es sich an, diese besonders „anweidefreundlich“ zu gestalten. Also runter mit den Hochleistungsgräsern und dafür natürliche Grassorten und vor allem Sträucher, Büsche und Bäume, die besonders im Frühjahr gerne von Pferden gefressen werden und die sie bei der Nahrungsumstellung im Frühjahr unterstützen, anpflanzen.

natürliche Pferdeweide

Auf einer natürlichen Pferdeweide wechseln sich verschiedene Pflanzen ab.

Süßgräser

Nicht jedes Gras wird von Pferden gerne gefressen.

WANN MIT DEM ANWEIDEN BEGINNEN?

Neben der Länge der Fresszeit ist der Zeitpunkt des Anweidens sehr wichtig. Das Frühjahr wird aus „Pflanzensicht“ in drei unterschiedliche Phasen eingeteilt. Diese sind regional unterschiedlich. Deshalb kann ich dir an dieser Stelle auch nicht den idealen Zeitpunkt fürs Anweiden deiner Pferde sagen. Diesen Zeitpunkt verraten dir in deiner Region die Zeigerpflanzen. Diese stellen wir übrigens ausführlich in den Themenabenden der Masterclass vor. Und wann ist die beste Tageszeit, um Pferde auf die Weide zu lassen? In diesem Zusammenhang werden häufig Begriffe wie Fruktan und Eiweiß genannt. Sie lösen schon fast Panik bei einigen Pferdebesitzern aus.

REITER SIND VERUNSICHERT

„Hilfe, Bodenfrost!“

„Mist, heute ist es bewölkt!“

„Aufpassen, die Sonne scheint!“

Das sind Warnungen, die im Frühjahr durch die Ställe hallen. Aber wann fressen Wildpferde im Frühjahr Gras? Die „Hauptarbeitszeit“ der Pferde ist der Morgen. Und Fressen ist nun einmal der primäre Job für Pferde und den machen sie wirklich gut. Ist das Gras gefroren, entfernen sie mit den Hufen Schneereste oder Raureif, bevor sie es fressen und verhindern so, dass sie zu viel Kälte aufnehmen. Außerdem legen sie, wie jeder fleißige Arbeiter Pausen ein. Dadurch entsteht ein natürlicher Fressrhythmus. Sehr spannend ist dabei, dass Biologen die höchsten Fruktangehalte in den Gräsern während der natürlichen Fresspausen der Wildpferde gemessen haben. Meine Pferde legen übrigens ihre Fresspausen absolut synchron zu denen der Wildpferde ein, was zeigt, dass Pferde, wenn sie ständig freien Zugang zu Nahrung haben, auch in unserer Zivilisation ihren natürlichen Rhythmus finden. Diesen finden sie allerdings erst, wenn wir ihnen das Futter nicht mehr zuteilen, weshalb ich gerne etwas provozierend sage:

Das Schlechteste, was wir machen können, ist, unsere Pferde zu füttern.

Marc Lubetzki

GEMEINSAMES GRASEN

Ich empfehle, wenn wir die Voraussetzungen für einen freien ganzjährigen Zugang noch nicht geschaffen haben oder nicht genug Weideflächen vorhanden sind, als Kompromiss das Spazierengehen mit Pferden bei integrierter Nahrungsaufnahme. Idealerweise ohne Halter und Strick mit mehreren Pferden gleichzeitig auf einem gesicherten Gelände. Mit dieser Methode können wir die Wanderung einer Herde imitieren. Die Pferde können wir gezielt in Bereiche führen, die eine größere Vielfalt an Pflanzen bieten, als die meisten Koppeln. Gleichzeitig intensivieren wir in die Beziehung zu unseren Pferden und können dabei überprüfen, ob unsere Körpersprache und unsere Kommunikation so gut ist, dass wir unsere Pferde führen und lenken können.

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Die Aufzeichnung vom Themenabend „Einstieg in die Körpersprache“ findest du in der Masterclass unter „Aufzeichnungen der Live-Meetings

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