Pferdekoppel

WAS WÄCHST AUF DEINER PFERDEWEIDE?

„Auf meiner Pferdeweide habe ich spezielle Gräser und Kräuter für Pferde angesät“, ist eine häufige Antwort, die ich auf meine Frage bekomme. Aber ist dein Saatgut wirklich so gut gewesen, ist es überhaupt aufgegangen und welche Pflanzen haben sich durchgesetzt?

Die Werbung und teilweise auch die Inhaltsangaben von Saatgut für Pferdeweiden hören sich erst einmal gut an. Viele bestehen beim genaueren Hinsehen allerdings den Praxischeck für unsere Pferde nicht. Oftmals dominieren landwirtschaftliche Gräser, die für unsere Pferde nicht gut sind. Um das Gewissen der Pferdebesitzer zu beruhigen, werden zwar häufig noch ein paar Kräuter beigemischt, allerdings ist ihr Anteil verschwindend gering. Dagegen liegt der Anteil von Kräutern auf einer Naturweide bei bis zu 40 Prozent. Wobei die Kräuter auf dem ersten Blick gar nicht auffallen, denn anders als in einem Kräutergarten, wachsen sie flächig verstreut zwischen den Gräsern. Und bei den Gräsern einer Naturweide finden wir wiederum keine industriell gezüchteten Hochleistungsgräser, sondern eine Vielfalt aus den über 12.000 unterschiedlichen Grasarten.

DIE PFERDEWEIDE IST DIE BASIS

Die Pflanzen, die auf deiner Pferdeweide wachsen, sind die Basis für die Gesundheit deines Pferdes. Das, was dein Pferd auf der Weide frisst, macht zusammen mit deinem Pferdeheu den Großteil seiner Ernährung aus. Trotzdem gucken wir Pferdehalter zu gerne auf die Inhaltsangaben von Pferdefutter und zelebrieren oftmals die Pferdefütterung. Da werden verschiedenste Zusatzfutter genau abgemessen und dosiert und mit ein paar Karotten garniert serviert. Bei der Gelegenheit mal kurz eingeworfen: Karotten wachsen unter der Erde und selbst die Wilde Möhre wird von Pferden in der Natur nicht ausgegraben und gefressen, sondern nur das Kraut, welches über der Erde wächst. Aber warum beschäftigen wir uns mehr mit fertig abgepacktem Pferdefutter und weniger mit dem, was auf der Pferdeweide wächst? Die Antwort ist beschämend einfach: Während das Lesen einer Inhaltsangabe leicht ist, brauchen wir für die Bestimmung von Gräsern und Kräutern einiges an Fachfachwissen.

Pferdekoppel

Auf einer Pferdeweide sollten eine Vielzahl an Gräsern und Kräutern wachsen.

BEISPIEL WIESEN-KNÄUELGRAS

Nehmen wir als Beispiel das Wiesen-Knäuelgras (Dactylis glomerata). Ein Gras, das auf vielen Weiden vorkommt und welches gut und sicher zu bestimmen ist. Am einfachsten ist die Bestimmung, wenn das Wiesen-Knäuelgras blüht. Seine Blütezeit geht von Mai bis September und die Blüte macht seinem Namen alle Ehre. Der Blütenstand ist eine breite Rispe mit auffällig in Knäulen angeordneten Ährchen. Die grün bis violett schimmernden Spelzen fallen an den langen Stielen in ein großes Dreieck. Besonders deutlich ist, dass der untere Rispenast absteht.

Knäuelgras

Der untere Rispenast steht ab und gibt dem Blütenstand dadurch die Form von einem Dreieck.

Ähre vom Wiesen-Knäuelgras

Die Ähren vom Wiesen-Knäuelgras sind grün bis violett.

Insgesamt kann das Wiesen-Knäuelgras bis zu 120 Zentimeter hoch werden. Vorausgesetzt, die Pferde haben es nicht vorher abgefressen. Daher findest du es am besten auf einer Heuwiese, wo es zur Hauptblütezeit von Mai bis Juni mindestens hüfthoch sein sollte.

Fehlt die Blüte, kannst du es trotzdem anhand der Blätter und des Stängels gut von anderen Gräsern unterscheiden. Süßgräser, zu denen auch das Wiesen-Knäuelgras zählt, haben im Gegensatz zu Sauergräsern einen Knoten am Stängel. Dieser Knoten ist beim Wiesen-Knäuelgras unauffällig und wenig ausgeprägt. Der Stängel ist dagegen, wenn du ihn zwischen deinen Fingern hin und her drehst, spürbar zweikantig. Zur Wurzel hin wird der Stängel sogar so platt, dass er aussieht wie eine Hose mit Bügelfalte.

Dactylis glomerata

Der Knoten vom Wiesenknäuelgras ist unauffällig.

Kuhgras

Der Knoten vom Weidelgras schimmert rötlich.

Holcus lanatus

Der Knoten vom Wolligen Honiggras ist behaart.

Das Blatt vom Wiesen-Knäuelgras ist bis zu 1,5 cm breit und vor allem auffällig lang. Mit bis zu 45 cm Länge ist es wesentlich länger als ein DIN A 4 Blatt. Am Blattgrund steht es links und rechts vom Stängel ab und bildet einen Mini-Balkon. Auch kann das Blatt bereits am Ansatz Wellen werfen. Diese Wellen werden dann im Verlauf des Blattes als Querwellen noch deutlicher. Dieses charakteristische Merkmal findest du vorwiegend bei älteren Blättern. Jüngere können noch glatt und faltenfrei sein. Warum sollte es auch Gräsern anders ergehen, als uns Menschen?

Knäuelgras

Das lange Blatt vom Wiesen-Knäuelgras.

Knäuelgras

Der Blattgrund steht wellig ab.

Knäuelgras

Querwellen in älteren Blättern.

Das Wiesen-Knäuelgras ist ein gutes Heu- und Futtergras mit einem hohen Nährwert. Allerdings blüht es ja schon recht früh. Beginnst du zu spät mit dem Anweiden ist dieses Gras schon sehr grob und hart und somit nicht mehr so schmackhaft für die Pferde wie andere Gräser. Daher wird es dann oft links liegen gelassen, während die anderen Gräser kurz gehalten werden. Kein Wunder also, dass das Knäuelgras als durchsetzungsfreudig gilt, zumal es auch mit längerer Trockenheit gut zurechtkommt.

MACHE DEN TEST

Geh doch einfach einmal über deine Weide und schaue, ob du das Wiesen-Knäuelgras entdeckst. Wenn dir ein anderes Gras ins Auge springt, kannst du es ja mit dem Wiesen-Knäuelgras vergleichen. Du wirst überrascht sein, wie unterschiedlich Gräser aussehen.

Jeder Pferdehalter sollte wissen, welche Gräser auf seiner Weide wachsen.

Marc Lubetzki

DIE VIELFALT DER PFLANZEN

Das Wiesen-Knäuelgras ist nur ein Beispiel von vielen Gräsern, welches ich auch in den Lebensräumen der Wildpferde entdecken konnte. Und vielleicht wächst es ja auch auf deiner Pferdeweide. Doch kannst du deine Pferdeweide erst zu einer artenreichen Wiese zählen, wenn deine Pferde mehr als zwölf verschiedene Gräser und über vierzig unterschiedliche Kräuter finden.

Die Arten und die Mischung der Pflanzen auf deiner Pferdeweide sollte übrigens nicht die Gleiche sein, wie auf den Flächen, auf denen Heu gemacht wird. Nicht alle Gräser sind super Heugräser und nicht alle Kräuter eignen sich fürs Heu. Genauso wenig, wie alle Kräuter ständig oder überhaupt von den Pferden gefressen werden. Doch auch verschmähte Pflanzen tragen ihren Teil zu Wohlbefinden deiner Pferde bei. Sie dienen zum Beispiel als natürliche Fressbremse, denn die Pferde müssen mehr nach ihrem Futter suchen. Ein wichtiger Aspekt zur Verhinderung der gefürchteten Hufrehe.

Ich bin sehr froh, dass wir vor vielen Jahren unsere Koppeln zu Naturweiden umstrukturiert haben. Seitdem hatte selbst unser Knabstrupperpony Prinny auch bei 24/7 Zugang zu den Weideflächen nicht einmal mehr eine leichte Pulsation.

In der MASTERCLASS widmen wir uns ausführlich den Themen Pflanzen-Bestimmung, Fressverhalten und natürliche Gruppenhaltung. Dort lernst du, wie die verschiedenen Lebensräume der Pferde aussehen, was welche Pferde wann fressen und wie auch dein Pferd seinen natürlichen Fressrhythmus findet.

Einen tollen Einstieg in das Thema hast du mit den Themenabenden der MASTERCLASS. Die Aufzeichnungen „Die Speisekarte der Pferde“ und „Endlich Frühjahr“ kannst du sofort nach deiner Anmeldung ansehen. Der Online-Themenabend „Pflanzenbestimmung“ findet am Samstag, den 19. Juni 2021 statt. Als Teilnehmer der MASTERCLASS bekommst du automatisch eine Einladung und kannst auch später die Aufzeichnung im Memberbereich ansehen.

Lasse dir keine Neuigkeiten & Termine mehr entgehen! Trage dich jetzt zum Newsletter ein.

Dir hat der Beitrag gefallen? Ich freue mich, wenn du ihn mit deinen Freunden teilst...