Winter bei den Wildpferden in Bosnien

Wind. Der gefrorene Schnee peitschte über die Hochebene. Ein Teil der großen Herde machte sich auf den Weg, um eine geschützte Stelle zu finden. Hinter einer Felswand wurden die wilden Bergpferde fündig und stellten sich zum Ausruhen direkt an ein sieben Meter hohes Kalkrelief.

Plötzlich hob ein Pferd den Kopf und schaute in Richtung Osten. Wenig später brauste der Rest der Herde an. Sie hatten wir morgens noch an der Gebirgsstraße zwischen Livno und Sucia gesehen. Dort hatten sich die wilden Pferde eingefunden, um Salz von der Fahrbahn zu lecken.

Für die Pferde eine sehr einfache Methode, um Natriumchlorid aufzunehmen. Ein Mineral, welches zwar nur in kleinen Mengen von Tieren benötigt wird, sich aber nicht selbst im Körper bilden kann und auch kaum in ihrer Nahrung vorkommt. Ideal, würden auf der Straße nicht auch Autos fahren. Um die Pferde von den Straßen wegzulocken, streuen Ranger in den Bergen Viehsalz aus. Trotzdem, gegen die großflächige, tägliche Ausbringung von Salz durch die Streufahrzeuge kommen sie mit ihren kleinen Eimern kaum an. Ihr Engagement gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Trotzdem, jedes Pferd, das vor einem Autounfall bewahrt werden kann, ist für sie Motivation genug sich immer wieder auf den Weg zu machen.

Jetzt kamen die „Streusalzlecker“ also wieder zurück auf die Hochebene. Mit der schönen Ruhephase hinter der Felswand war es natürlich schlagartig vorbei. Der gesamte Herdenverband zog weiter.

Die Herden schlossen sich zusammen und zogen zurück in die Berge. PHOTO: Regina Heise

Mehrere Stunden brauchten wir, um ihnen zu folgen. Erst gegen Nachmittag hatte sich die Herde wieder beruhigt. Weitere Stunden vergingen, bis die wilden Bergpferde wieder so entspannt waren, dass sie unsere Nähe tolerierten. Fernab von Straßen wurden wir in einer zerklüfteten Gebirgslandschaft mit schönstem Abendlicht belohnt. Die Wildpferde wechselten in ihrem natürlichen Rhythmus zwischen Ruhen und Fressen und wir konnten ihr Verhalten ungestört beobachten.

Warten auf das Abendlicht.

Liebevoll kümmern sich die Stuten um ihre Fohlen. Photo Christiane Elser

Das Fressverhalten der Bergpferde

Die winterliche Bergwelt ist ein besonderer Lebensraum. Spannend zu beobachten, was die bosnischen Bergpferde im Winter fressen. Sowohl ihre Nahrung, als auch ihr Fress- und Ruheverhalten unterscheidet sich stark von den nordischen Urpferderassen. Für mich gehören diese Vergleiche zu den wichtigsten Erkenntnissen meiner Expeditionen. Durch sie können wir unsere Pferdehaltung und Fütterung zu Hause natürlich und gleichzeitig individuell gestalten.

In der MASTERCLASS findest du ausführliche Videos mit vielen Anregungen zur Optimierung der Pferdehaltung und Fütterung.

Sonnenaufgang in den Bergen

Dunkelheit. Langsam färbt sich der Himmel stahlblau und auf dem Bergkamm werden die ersten Silhouetten der Bosniaken sichtbar. Bosniaken, das sind die wilden Pferde, die hier in den Dinarischen Alpen leben. Bei den Dinarden handelt sich um ein sehr schwer zugängliches Faltengebirge. Die Hochplateaus wirken im Winter wie gepflügte Äcker. Nur das die „Ackerfurchen“ durch tektonische Aktivitäten aufgereihte Felsbrocken sind. Dahinter erheben sich massive Bergketten bis zu 2500 Meter Höhe.

Für die bosnischen Bergpferde ist dieser, im Winter feindlich wirkende Lebensraum kein Problem. Im Gegenteil, sie nutzen die steilen Felsen, um Ausschau nach ihren Fressfeinden zu halten. Große Wolfsrudel durchstreifen regelmäßig ihre Weidegebiete. Aber die Wildpferde sind nicht nur wachsam, sondern auch wehrhaft. Die Spuren von Kämpfen zwischen Wölfen und Pferden kann man vor allem leicht an den Verletzungen der Hengste erkennen. Typische Narben an der Hinterhand und am Hals sind Zeugen von nächtlichen Attacken.

Das die Pferde Angriffe von Wölfen überleben zeigt, wie schnell sich die Pferde wieder in der Natur zurechtfinden. Bei den Pferden hier handelt es sich nämlich genau genommen um verwilderte Pferde, einer Mischung aus dem Bosnischen Bergpferd oder Bergpony, Pferden arabischen Ursprungs und von Bauern frei gelassenen Arbeitspferden. Sie alle vermischten sich munter miteinander. Schaut man aber noch genauer hin, erkennt man zwischen dieser Vielfalt sogar Pferde, die dem Przewalski Pferd sehr stark ähneln. Daher wird auch gesagt, das der Bosniak ein direkter Nachfahre vom Steppentarpan sein könnte. Ich sehe dagegen eher die Koniks und die Sorraias als Nachfahren des Tarpans und die Exmoor-Ponys, die Garranos und die Bosniaken als Nachfahren des Przewalski Pferdes. Das ist aber eine sehr wage Theorie, die sich auf meine Beobachtungen vom Sozialverhalten, der Fellfärbung und Körperform bezieht. Da Studien über die Abstammung der Pferde eh ständig neue Theorien hervorbringen, reihe ich mich aber gerne in die Liste der Wissenschaftler ein. Unterm Strich sind es dann ja doch die Beobachtungen und Vergleiche aus den verschiedenen Lebensräumen und den unterschiedlichen Pferdetypen, die uns so wertvolle Erkenntnisse für alle unsere Pferde bringen.

DIE HERDEN SIND BUNT GEMISCHT. FARBE, ALTER, GESCHLECHT UND CHARAKTER MACHEN DIE MISCHUNG. PHOTO: MARION MARTIN

Die bunten Bergpferde machen es uns übrigens eindrucksvoll vor. Die Herden mischen sich ohne Beachtung von Fellfarbe oder Pferdetyp. Sie scheinen zu wissen, dass eine homogene Herde vor allem aus einer Mischung von diversen Charakteren besteht. Sie ist das Wichtigste für ihr Überleben in den Bergen. Die aufgehende Sonne beendet meine Gedanken über die Ethnologie der Pferde und ich konzentriere mich darauf, die besondere Stimmung des Morgens mit der Kamera einzufangen.

Unbedarfte Fohlen

Selbst bei eisigen Temperaturen wird jedem Pferdefreund warm ums Herz, wenn die tapsigen Fohlen umherspringen. Im nächsten Augenblick stockt einem schnell der Atem. Stehst du selbst an einer steilen Felswand und Pulverschnee oder lose Steine rutschen unter den Füßen weg, bekommst du eine Vorstellung davon, wie schnell man abstürzen kann. Kein Wunder, dass Mutterstuten es nicht gerne sehen, wenn ihre Fohlen hier anfangen zu spielen. Die Fohlen sehen die Gefahr noch nicht und freuen sich einfach ihres Lebens.

Wildpferde im Ungleichgewicht

Sehr viele Spielkameraden haben sie allerdings nicht. Bei den bosnischen Bergpferden herrscht starker Männerüberschuss. Es gibt sogar so wenig erwachsene Stuten, dass sich manche Hengste eine Stute teilen.

Unnatürlich? Ja, du hast Recht. In der Natur herrscht meist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Pferden. Hier hat es sich verschoben. Die Stuten sind mit gut 30 Prozent in der Unterzahl. Dieses Ungleichgewicht ist vom Menschen verursacht. Es wurden hier nicht nur Pferde freigelassen, sondern auch wieder eingefangen. Benötigte jemand ein Pferd, wurde sich einfach bei den wilden Bergpferden bedient. Da Stuten leichter einzufangen sind als Hengste und dazu noch die Chance auf Nachwuchs bestand, wurden bevorzugt erwachsene Stuten entnommen. Seit einigen Jahren sind die bosnischen Bergpferde zum Glück offiziell geschützt und die Ranger überwachen das Gebiet. Seither nähert sich das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern von Jahr zu Jahr wieder an.

Was spektakulär aussieht, ist hier nur ein heftiges Spiel zwischen jungen Hengsten. Photo: Marion Martin

Althengste bleiben bei den meisten Begegnungen auf Abstand. Photo: Regina Heise

Auch die Althengste sind die meiste Zeit entspannt. Photo: Christiane Elser

Viele Hengste bedeutet auch viel Testosteron und damit verbunden viel Aggressivität – sollte man meinen. Klar, die Junghengste sieht man sogar im Winter rangeln, aber die Althengste sparen ihre Kräfte lieber. Es geht also verhältnismäßig ruhig zu.

Eine wertvolle Beobachtung, wenn wir bedenken, dass in der Hauspferdehaltung nur in den seltensten Fällen ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern besteht. Pferde können sich sehr gut miteinander arrangieren. Vorausgesetzt das weitere Umfeld stimmt.

Auf Wiedersehen Bosnien

Der letzte Tag neigt sich dem Ende. Wehmütig und etwas durchgefroren steht der Rückweg an. Auf dem gemeinsamen Gang aus dem Dinarischen Gebirge bleiben viele Bilder und eindrucksvolle Erinnerungen in meinem Kopf. Es ist eine harte Welt, in der die Pferde hier leben. Sie scheinen damit aber zufrieden zu sein. Sie machen keine Anstalten ihre Berge zu verlassen. Einzig das Streusalz lässt die wilden Bergpferde im Winter in Richtung Zivilisation wandern. Die Heimat der Bosniaken ist das Gebirge und in ein paar Wochen wird das Land sicherlich genauso bunt aufblühen wie die Farben und Charaktere der Wildpferde.

COME TOGETHER

Die meiste Zeit des Jahres bin ich ja alleine unterwegs. Manchmal habe ich einen Assi mit dabei – aber mit vier Mädels into the wild, das war für mich eine völlig neue Erfahrung. Mir hat es nicht nur riesig Spaß gemacht. Ein ganz besonderer Dank geht an die Bosnierin und Pferdefrau Maksida Vogt, die die komplette Organisation vor Ort hervorragend gemanagt hat.

Mich hat die Gruppe dazu inspiriert in Zukunft mehr gemeinsame Reisen zu Wildpferden zu unternehmen.

Wenn du Lust hast auch mal mitzukommen, melde dich gerne bei mir. Auf den nächsten Reisen werden die Schwerpunkte in der Beobachtung vom Fressverhalten liegen. Die Aufgaben werden dabei im Team verteilt. Neben Fotos, Ton -und Filmaufnahmen gehört das konzentrierte Beobachten und notieren von Verhalten zu den Tätigkeiten auf den Studienreisen.

Aktuelle Infos zu den Studienreisen gebe ich in meinem Newsletter bekannt. Diesen bekommst du automatisch, wenn du mein Gratis eBook „Die Leithengst Lüge“ herunterlädst. (Abmeldung ist jederzeit mit einem Klick möglich.)

Taffe Mädels: Christiane, Regina, Vanessa und Marion. (von links)

Social Media & Links

Christiane Elser ist mit @chephotography_equine auf INSTA täglich aktiv, postet viele Fotos von free living horses und schreibt sehr bewegende Texte dazu.

    Regina Heise wandert gerne bei Wind und Wetter durch wilde Landschaften und zeigt ihre Natur- und Tierfotos auf ihrer Fanpage bei Facebook

    Marion Martin arbeitet gerade an ihrer Abschlussarbeit zum Fotostudium. Neben Pferde- und Landschaftsaufnahmen macht sie auch bei ihren regelmäßigen humanitären Hilfsaktionen Fotos. Ihre eindrucksvollen Bilder zeigt sie @lichtfreiheiten auf INSTA

    Maksida Vogt untersucht bestimmt gerade irgendein Pferdehuf oder postet auf ihrer Fanpage Academica Liberti über Facebook Artikel gegen Vorurteile in der Pferdehaltung.

    Vanessa Späth tingelt @doowadidi (INSTA) bestimmt irgendwo in der Welt herum und ist wahrscheinlich offline, arbeitet  auf einer abgelegenen Insel oder ist vielleicht noch in Split hängengeblieben, wo wir sie auf der Rückfahrt im Hafenviertel abgesetzt haben.

    Und der Marc? Ich bin nach vier weiteren Drehorten in diesem Winter wieder zurück bei meinen Pferden und bereite gerade eine große Sonderausstellung für die Messe HansePferd in Hamburg vor. Dort könnt ihr mich vom 20. bis 22.April 2018 im Reallife treffen. Auf meiner Fanpage Marc Lubetzki | Tierfilmer berichte ich auch per Live-Video von aktuellen Projekten.

    Wir alle freuen uns, wenn du uns im Social Media folgst und diesen Blogartikel teilst.

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