Träumende Tiere

Letztes Jahr fragte mich Rosie Koch, ob ich Aufnahmen von schlafenden Pferden machen könnte. „Klar, sehr gerne“, antwortete ich. „Wie lang soll die Filmsequenz denn sein?“, wollte ich wissen. „Nein, kein Video – wir wollen eine Art Hörbuch über träumende Tiere machen“, verblüffte mich die Biologin und Tierfilmproduzentin.

Schweigen in der Leitung. Das musste ich erst mal sacken lassen. Mit sanfter Stimme unterbrach die Chefin von Nona Naturedocx die Stille und verriet mir, das sie zusammen mit Roland schon eine Folge über schlafende Wale gemacht hat. Wow – schlafende Wale, wie cool ist das denn? Ich hatte erst vor kurzen ihre Doku Wa(h)lheimat gesehen und erinnerte mich sofort an die Gesänge der Wale.

Rosie und Roland bei Dreharbeiten zur Doku Wa(h)lheimat in Canada.

Pferde sind leiser als Wale

Keine Frage, natürlich sagte ich sofort zu. Allerdings gab ich zu bedenken, dass Pferde sehr leise sind. Selbst, wenn sie wach sind machen sie wenig Geräusche. Nicht umsonst gibt es den Begriff Pferdeflüsterer. Aber ich war auch gespannt, bisher hatte ich nicht sehr auf die Laute der Pferde geachtet, wenn ich zwischen ihnen die Nächte verbracht habe. Was wird zu hören sein, wenn ich mit einem hochsensiblen Richtmikrofon direkt neben Pferden schlafe?

Der Tiefschlaf der Pferde

Um träumende Pferde aufzunehmen, müssen sie im Tiefschlaf sein. Eine Tiefschlafphase entsteht immer aus einem Leichtschlaf heraus. Plötzlich kippen die Pferde aus der Brustlage in die Seitenlage. Hier bleiben sie dann 2-15 Minuten völlig entspannt liegen. Die Beine sind bei allen Pferden in dieser Schlafart gestreckt, die Atemzüge werden tief und regelmäßig und dann träumen sie. Tatsächlich kann man sogar erwachsene Pferde beobachten, wie sie während eines Tiefschlafs Bewegung mit den Beinen und den Augen ausführen, leise wiehern, stöhnen, schmatzen oder prusten. Untersuchungen haben gezeigt, dass der Tiefschlaf von den Hirnwellen her tatsächlich der REM-Phase beim Menschen entspricht, während der Leichtschlaf der Schlafphase 1-3 ähnelt – je nachdem wie intensiv er wird. Im Tiefschlaf hat das Wildpferd keinerlei bewusste Sinneswahrnehmungen mehr und braucht auch eine recht lange Aufwachphase, um wieder völlig bei „Bewusstsein“ zu sein. Daher wagen sie sich in diese Schlafphasen nur an wirklich sicheren Schlafplätzen.

Sieht unbequem aus, ist es aber nicht. Sogar wilde Fohlen wissen bereits die federnde Wirkung von Heidekraut als Untergrund zu schätzen.

Lauschige Pferdenächte

Für die Tonaufnahmen bin ich allerdings zu Hause geblieben und habe mich zu meinen Pferden gelegt und gelauscht. Nach Mitternacht wurde es langsam ruhiger. Die Zivilisationsgeräusche verklungen und ich merkte schnell, dass mehr als nur Tonaufnahmen entstehen würden.

Unsere alte Stute Ramona wirkte sehr müde. Sie stand mit leicht gesenktem Kopf an einem ihrer Schlafplätze, während die anderen Pferde noch munter waren. Von meinen Nächten bei den Wildpferden wusste ich, dass sich die meisten Pferde genau dort zum Schlafen hinlegen, wo sie bereits im Stehen dösten. Ich legte mich also einfach einen Meter neben Ramona in den Sand und wartete ab. So gegen zwei Uhr hat sich Ramona dann wie erwartet hingelegt. Unsere Köpfe berührten sich fast und über die Kopfhörer drang ein beruhigendes tiefes Atmen zu mir vor. Zu beruhigend, denn bald darauf schlief ich ein. Erst gegen fünf Uhr morgens, als sich unser Lusitano Wallach Fado  im Sand wälzte, wachte ich wieder auf.

Unser Lusitano Fado wacht über seine Stuten.

Ramona kurz vorm Umkippen in die Seitenlage.

Ganz so schnell klappte es nicht

Ich hing also noch ein paar „Drehtage“ dran und schaffte es dann auch (fast) die ganzen Nächte wach zu bleiben. Es dauerte nicht lange und ich konnte bereits an den Atemgeräuschen erkennen, welches unserer Pferde neben mir war. Fado, unser Lusitano (Fado ist ein melancholischer portugiesischer Gesang) war immer ganz leise und sanft, Prinny unser Knabstrupper schlief sehr wenig und Ramona, unsere Andalusierstute war eindeutig die beste Sängerin. Möglicherweise träumte sie von einer Feria in Spanien.

Pferde suchen sich zum Schlafen verschiedene Unetrgründe. Nicht immer wird weicher Sand bevorzugt. Oft legen sich ältere Pferde auch auf festeren Böden hin. Dort fällt ihnen das Aufstehen leichter. Ramona hat an diesem Tag als Unterlage Weidenzweige gewählt. Ähnlich wie das Heidekraut im Exmoor haben sie eine federnde und isolierende Wirkung.


Ramona kurz vorm Tiefschlaf. Sekunden später schloss sie ihre Augen ganz und begann zu träumen.

Träumende Tiere bei audible

Hört selbst, wie Tiere träumen. Die Serie Träumende Tiere findet ihr als Podcast auf Audible. Wenn ihr ein Abo habt, könnt ihr sie kostenlos downloaden. Ansonsten könnt ihr auch über ein Probeabo for free Zugriff bekommen. Neben Walen und Pferden findet ihr dort noch Episoden von vielen anderen Tieren. Viel Spaß

Träumende Tiere als Podcast bei audible

Für mich war es nicht nur toll die Töne meiner Pferde zu hören, sondern so viele ruhige und intime Zeit mit ihnen zu verbringen. Die Bindung zwischen uns ist wieder ein Stück enger geworden und ich bin jetzt oft in Gedanken bei ihnen, wenn ich abends in meinem Bett liege. Eine Erfahrung, die ich jedem, der ein Pferd hat, nur wärmstens empfehlen kann. Ich werde es auf jeden Fall wieder tun. Das nächste Mal dann ohne Mikrofon und bestimmt werde ich wieder zwischen ihnen einschlafen.

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