Fressinstinkte

Das Nahrungsangebot für wild lebende Pferde ist abhängig von ihrem Lebensraum und der Jahreszeit. Trotzdem, sie haben die Wahl.

Stimmt das? Wilde Pferde leben ja in klar definierten Herdenverbänden – da kann wohl kaum jedes Pferd für sich entscheiden, wo es gerade hingeht, um bestimmte Pflanzen zu fressen, oder? Ist es denn die Leitstute, die für die ganze Herde bestimmt, was auf die „Speisekarte“ kommt?

Je nach Boden wachsen sehr verschiedene Pflanzen

Das Nahrungsangebot

In den meisten natürlichen Lebensräumen ist das Nahrungsangebot sehr vielfältig. Wesentlich vielfältiger, als wir es von Weiden aus unserer Kulturlandschaft kennen. Werfen wir einen genaueren Blick in ein gewachsenes Habitat, bemerken wir schnell, dass sich auch dort das Nahrungsangebot stark unterscheidet. Das hängt vor allem mit der Bodenbeschaffenheit zusammen. So finden wir sehr feuchte Bereiche oder trockene und sandige Böden.

Wilde Pferde müssen ihren Standort wechseln, um andere Nahrung zu finden.

Der Boden als Basis

Sogar beim Blick in unsere Hausgärten wird deutlich, dass Pflanzen unterschiedliche Ansprüche stellen. Wir finden mühevoll angelegte Steinwälle mit Kräutern neben tiefschwarzen lehmigen Gemüsebeeten. Die Vielfalt, die wir hier auf kleinstem Raum vorfinden ist von Menschenhand angelegt. Aber auch in der Natur finden wir eine große Vielfalt an Vegetation. Nur siedeln sich dort die Pflanzen an Standorten an, die teilweise sehr weit auseinanderliegen, weshalb wilde Pferde häufig weite Strecken wandern. Das ist auch der Grund, warum wilde Pferde nicht täglich die gleiche Nahrung zu sich nehmen. Vor allem ein Standortwechsel bedeutet daher auch einen Nahrungswechsel.

Natürliche Lebensräume bieten eine große Nahrungsvielfalt.


Junge Pferde sind oft auf der Suche nach besonderen Pflanzen.


Von wegen Pferde fressen nur Gras.


Auch Moose und Rinde stehen auf dem Speiseplan der Pferde.

Gezieltes Fressen

Um bestimmte Pflanzen zu fressen, entfernen sich einzelne Pferde sogar von der Herde und fressen dann ganz gezielt an speziellen Pflanzen. Es kommt vor, dass ein Pferd über mehrere Stunden abseits der Herde sich mit bestimmten Inhaltsstoffen einer Pflanze versorgt. Genauso kann es aber auch sein, dass ein Pferd nur für einen Augenblick den Schutz der Herde verlässt, um kurz an einer Pflanze zu fressen, um dann sofort wieder in die Herde zurückzukehren.

STECHGINSTER IST NICHT NUR GIFTIG, SONDERN AUCH SCHWER ZU FRESSEN.

Wechsel nach Bedarf

Wilde Pferde kennen ihren Lebensraum sehr genau. Nicht nur die alten erfahrenen Tiere wissen, wo welche Pflanzen wachsen. Auch junge Tiere gehen gezielt zu sogar teilweise giftigen Pflanzen, um sich mit besonderen Wirkstoffen zu versorgen. Vor allem Jährlinge sind häufig auf der Suche nach Flechten und Moosen, um ihr Immunsystem und die Darmflora zu stärken. Trotzdem, die Entscheidung, in welches Gebiet die Herde zieht, wird niemals von Jungtieren getroffen. Die Alttiere bestimmen nicht nur den Zeitpunkt für den Aufbruch in ein neues Gebiet, sondern auch wohin die Herde zieht.

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Wie sind eure Erfahrungen?

Auch bei Hauspferden können wir beobachten, dass sie zeitweise giftige Pflanzen fressen, wobei die Menge hierbei eine sehr wichtige Rolle spielt. Viele Pferdebesitzer haben trotzdem große Angst davor. Bei einigen Pflanzen, bei wenig Weidefläche oder getrocknet im Heu halte ich die Gefahr für Pferde auch sehr hoch. Bei einem reichhaltigen und ständig verfügbaren Nahrungsangebot konnte ich allerdings auch bei Hauspferden beobachten, dass sie über natürliche Fressinstinkte verfügen und sie genau wissen wie viel sie wann von welchen Pflanzen fressen.

passender Blogartikel: Lebensraum Wald

Comments 8

  1. Ich habe bei meinem Pferd beobachtet, dass er im Herbst sehr gerne und reichlich Eicheln frisst. Viele im Stall haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und immer wieder auf die Blausäure hingewiesen, die wie ich mittlerweile weiß, gar nicht in Eicheln vorhanden ist. Er frisst die Eicheln, obwohl noch reichlich Gras da ist, also nicht als Ersatz. Er ist mittlerweile 25 und erfreut sich bester Gesundheit. Ich glaube fest, das er weiß, was er da isst, und das er auch weiß, dass er das braucht. Wenn mann sich dann mal genauer damit beschäftigt, macht es auch Sinn, dass er sie frisst!

    1. Eicheln könne durchaus toxisch für Pferde sein. Die kritische Komponente sind hierbei die Tannine.
      Hier ist eine Studie zu unterschiedlichen Vergiftungsfällen, die von Durchfall, Koliken, Nierenversagen bis zum Tod reichen. Die individuelle Verträglichkeit von Pferd zu Pferd ist hierbei variabel, und wie immer kommt es auf die Dosis an.

      https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24917312

  2. Hallo Marc,
    was für ein interessantes Thema. Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Wenn ich mir die Fotos und Filme von den Wildpferden so ansehe, bekomme ich ein ganz schlechtes Gewissen, dass unsere Hauspferde auf so (verhältnismäßig) engem Raum leben müssen. Meine drei Pferde haben etwa einen Hektar Weidefläche am Waldrand mit Offenstall und Paddock zur Verfügung. Diese Weide versuche ich so artenreich und „mager“ wie möglich zu gestalten, in den letzten Jahren wurde die Fläche dank ausbleibendem Dünger und Nachsaat von Wildkräutern tatsächlich zur Wildblumen- und Kräuterwiese. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Weide genügend Erholungsphasen hat und die Wildblumen aussamen können. Da wird es in unserer zivilisierten Welt schwierig. Man bräuchte pro Pferd etwa 1,5-2 Hektar Fläche, um die Wiese bei Dauerbeweidung artenreich erhalten zu können. Oder man belässt es bei einigen Quadratmetern Dauerweide und macht die Kräuterwildblumenwiese nur tageweise für die Pferde zugänglich. So mache ich es derzeit, ein Drittel der Fläche ist immer offen (natürlich ist es notwendig Heu zuzufüttern, da das Futterangebot sonst nicht ausreicht) und die Wildblumenwiese ist für die Pferde etwa 4-5 mal die Woche für einige Stunden zugänglich. Mit dieser Lösung sind die Pferde eigentlich recht zufrieden und sie knabbern gezielt die besten Kräuter. Im Spätherbst wird die Fläche dann komplett gemäht. Besser wäre es natürlich, wenn ich mehr Fläche zur Verfügung hätte, leider sind die meisten Landwirte nicht gewillt, Grünflächen abzugeben. Was zusätzlich bei den Pferden beliebt ist, sind Knabberäste. Da achte ich jedoch darauf nur ungiftige Pflanzen anzubieten, da -wie ohnehin im Bericht erwähnt- unsere Hauspferde mit begrenztem Nahrungsangebot ggf. auch giftige Pflanzen fressen würden.
    Liebe Grüße. Karin

  3. Ich bin begeisterter Fan Ihrer Bilder, Filme und Berichte. Vielen Dank auch für diesen .:-) Beste Grüsse Dagmar

  4. Mein Pferd sucht sich, wenn ich es auf dem Spaziergang fressen lasse, sehr gezielt nach bestimmten Pflanzen.
    Das ändert und findet Phasenweise statt.
    Manchmal frisst er tatsächlich am liebsten Gras, manchmal dünne Äste mit Blättern dran (ich kenne die Strauchart nicht mit Namen), manchmal Disteln, Brombeerblätter usw.
    Phasenweise frisst er an einer bestimmten Stelle im Wald Erde und Moos. Manchmal nur einen Schleck und manchmal mehrere Minuten.
    Ich denke, er weiss ganz genau was er braucht.
    Trotz Mineralfuttergabe bin ich halt nie ganz sicher, ob das Pferd alles findet und bekommt, was es braucht.

  5. Hallo,ich habe eine kleine Islandpferdeherde,bestehend aus 4Wallachen und eine Stute mit Fohlen.Ich halte sie im Offenstall mit einer kleinen Weide.Jedes Jahr verändert sich die Bepflanzung.Das eine Jahr hatten wir viel Löwenzahn,dann zum Herbst hin mehr Klee und dieses Jahr viel Spitzwegerich.Giftpflanzen haben wir zum Glück keine auf der Weide.Als weitere Bepflanzung haben wir Weiden und Birken und Bambus.Hin und wieder knabbern unsere Pferde auch gern an den Bäumen und lassen das Gras was sie nicht mögen auf der Weidefläche stehen.Es handelt sich da um Rasenschmiele.Alle anderen Kräuter werden gern gefressen.

  6. Ich habe das Glück, dass die Weiden meines Hofes schon Jahre vor dem Kauf aus der konventionellen Nutzung raus waren. Daher sind sie unheimlich bunt und artenreich. Einige Pflanzen mussten in Handarbeit zurück gedrängt werden (z.B. Rainfarn, Ampfer, Disteln) und das Kreuzkraut bekämpfen wir konsequent mechanisch. Aber der Rest bleibt stehen (wie Wiesenbärenklau, Gundermann etc.), der irgendwie auch als „giftig“ deklariert wird. Die Pferde suchen sich sehr gezielt aus, was sie fressen – täglich werden auch die erreichbaren Büsche und Bäume beknabbert (z.B. Haselnuss, Brombeere, Weide, aber auch mal „giftige“ Eiche oder Walnuss). Sie leben so seit 15 Jahren ganzjährig zu dritt auf 3 ha (Wechselweide) – und bisher kam der TA nur zum impfen. Zahnkontrollen verlaufen o.E., Wurmkontrollen dito (allerdings wird täglich abgeäpfelt). Meine älteste Stute ist 31, etwas gemütlicher, aber immer noch fit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies durch die naturnahe Haltung begünstigt wird – zudem sind die Pferde durch ein Laufwegsystem gezwungen täglich einiges an Strecke zurück zu legen z.B. zur Tränke, zum Leckstein usw. . Der Instinkt unserer Hauspferde welche Pflanzen sie gerade brauchen ist sicherlich vorhanden, vermutlich verkümmert er aber, wenn es keine Chance gibt, ihn auszuleben.

  7. Meine Ponystute hatte im Frühjahr Rehe. Ich habe sie täglich beim Spaziergang alles fressen lassen, was sie wollte (ansonsten stand sie UNBEGRENZT! auf Weide!!)- und sie hat sich exakt alle Kräuter gesucht, die entzündungshemmend wirken! Mit korrektem Trimm des Hufes war die Rehe in 3 Wochen ausgestanden- und sie steht weiter auf der Weide, ohne jegliche Begrenzung. Zusätzlich kam ein Pony zu mir, das mit cushing 3 Jahre lang Tabletten erhalten hat (sie hatte vor drei Jahren eine Rehe, nach Diagnose cushing wurde sie dann auf Diät ohne Weide gehalten). Wir haben die Tabletten sofort abgesetzt, sie hat unbegrenzt Zugang zur Weide und zu natürlichen Mineralsteinen sowie Algen und Tonerde. Am Anfang frass sie auf Spaziergängen nur Gras, nach ca 1 Monat hat sie bei einem Spaziergang mit der Rehestute plötzlich an deren Maul gerochen (diese frass gerade Beifuß)- und sich dann sofort auch an dem Beifuß bedient. Dasselbe geschah weitere 5x auf diesem Spaziergang. Es sah so als, als ob sie von der anderen Stute gerade lernt, was sie fressen kann und was nicht. Ich denke, dass durch die lange Gabe der Tabletten wie auch der Futterbrenzung ihr Stoffwechsel derart gestört war, dass ihr Körper ihr nicht mehr die richtigen Signale geben konnte- und das hat sie dann von den anderen wieder gelernt. Sie steht nun ohne Tabletten futterbegrenzungsfrei seit 3 Monaten bei mir- ohne Rehe o.ä. Ich bin mir sicher, dass die Instinkte unserer Hauspferde völlig intankt sind- wenn man ihnen den Freiraum ermöglicht, sie auch wieder entwickeln zu können und ihren Körper nicht mit „verarbeiteten“ Lebensmitteln (Müsli, künstliche Lecksteine etc) stört.

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