Die Rangordnung der Pferde

Sogar bei scheinbar langweiligen Pferdeverhalten können wir wunderbar die situationsbedingte Rangordnung bei Pferden beobachten. Neigt sich ein Tag dem Ende, begibt sich eine Herde wilder Pferde zur Nachtruhe. Dafür wechseln sie ihren Standort. Bei den meisten Hauspferden ist das übrigens genauso: Die Pferdehalter holen ihre Tiere von der Weide.

Wie machen es die Wildpferde?

Es gibt Hengste, die treiben ihre Stuten gegen Abend zusammen. Anschließend geht die Leitstute vorweg und die Herde folgt ihr, aufgereiht wie an einer Perlenkette zum Schlafplatz. Der Hengst trottet in aller Ruhe am Ende der Gruppe hinterher.

Es gibt aber auch andere Optionen.

An einem lauen Frühlingsabend machte ich gerade mitten in einer Herde, die ich schon seit mehreren Jahren immer wieder begleitete Aufnahmen, als der Leithengst durch ein kurzes leises Brummeln seine Herde aufforderte ihm in den Wald zu folgen. Gemeinsam mit den anderen Hengsten aus der Gruppe machten sich die Männer langsam auf den Weg in Richtung Waldrand. Die Herde machte allerdings keinerlei Anzeichen ihren „Anführern“ zu folgen.

Der Leithengst der Herde wartet am Waldrand.

Der Leithengst der Herde wartet am Waldrand.

Ich erwartete also, dass in Kürze entweder der Althengst damit beginnt seine Stuten anzutreiben oder er zumindest seine Nachwuchshengste losschickt, um die Stuten zu holen. Es passierte aber nichts dergleichen. Die drei Herren blieben am Waldrand stehen, schauten in Richtung der Herde, die nur etwa 100 Meter entfernt von ihnen graste und warteten ab.

Die beiden Nachwuchshengste warten zusammen mit ihrem Vater.

Die beiden Nachwuchshengste warten zusammen mit ihrem Vater.

Eine halbe Stunde später brummelte der Althengst erneut und die Herde setzte sich in Bewegung. Die drei Hengste gingen vorweg und die Herde folgte ihnen durch den dichten unübersichtlichen Wald, bis hinaus auf eine weite Moorfläche, wo sich die Herde zur Nachtruhe versammelte. Obwohl ich schon hunderte Male abends mit wilden Pferden zur Nachtruhe gezogen bin, war dieser Abend für mich einer der eindrucksvollsten. Ein starker, erfahrener Hengst, der nicht auf den Zeitpunkt des Weiterziehens bestand und völlig gelassen seine Aufforderung wiederholte, allerdings bei dem Weg keinerlei Abweichung tolerierte.

Wildpferde verlassen sich, um den besten Weg zu finden auf ihre Instinke.

Wildpferde verlassen sich, um den besten Weg zu finden auf ihre Instinke.

Auch, wenn man sich unterordnet, ist man in einer Pferdeherde sicher.

Auch, wenn man sich unterordnet, ist man in einer Pferdeherde sicher.

Befindet man sich mitten in einer Herde, kann man sich einfach treiben lassen.

Befindet man sich mitten in einer Herde, kann man sich einfach treiben lassen.

In dieser Nacht hatte ich mitten in einer Herde wilder Pferde gelernt, dass Pferde zwischen Zeit und Raum unterscheiden und sogar verschiedene Tiere einer Herde über den jeweiligen Punkt entscheiden können, ohne dass auch nur ein Hauch von Rangstreitigkeiten erfolgt.

Am nächsten Morgen hat sich die Aufgabenverteilung wieder verändert. Zwei Pferde halten bei Sonnenaufgang Wache und haben damit das Komando.

Am nächsten Morgen hat sich die Aufgabenverteilung wieder verändert. Zwei Pferde halten bei Sonnenaufgang Wache und haben damit das Komando.

Die Teilung der Rangordnung

Diese Teilung der Führung bei wilden Pferden können wir sehr gut auch im Umgang mit unseren Hauspferden anwenden. Ein typisches Beispiel dafür ist der Ausritt. Als Mensch bestimmen wir, wann der Ausritt stattfindet. Reiten wir dabei durch unübersichtliches Gelände, ist es in der Tat sehr hilfreich, unserem Pferd die Freiheit zu geben, den genauen Weg zu bestimmen. So können wir auf einfachste Art und Weise beginnen eine partnerschaftliche Kommunikation mit unseren Pferden aufzubauen. Ich weiß, dass an dieser Stelle viele vielleicht denken: ja, gut das habe ich schon gemacht, das ist ja auch nicht schlimm. Aber was ist, wenn es um darum geht, dass mein Pferd nicht das tut, was ich gerne möchte? Dann wird´s doch gefährlich, wenn ich in der Rangordnung nicht ganz oben stehe, oder?

Wer so denkt, hat ein anderes Muster im Kopf.

Es ist das Muster einer starren Rangordnung, die einmal geklärt lange besteht und für alle Situationen gilt. Auch dieses Prinzip kommt bei wilden Pferden vor. Allerdings nicht innerhalb einer Herde, sondern zwischen verschiedenen Herden.

Die feste Ordnung

Treffen zwei Herden wilder Pferde aufeinander gilt eine strickte Rangordnung. Die Position der Herde entspricht der des Leithengstes. Ist die Rangordnung zwischen zwei Leithengsten einmal geklärt, wird sie zwar immer wieder durch ein Annähern bestätigt, aber ernsthafte Kämpfe sind dann selten. Die Körpersprache, die die Hengste bei ihren Begegnungen anwenden, finden wir auch innerhalb einer Herde – nicht nur bei Wildpferden, sondern genauso bei unseren Hauspferden. Das ranghöhere Tier geht dabei langsam auf das rangniedrigere Tier zu und wendet dabei seinen Hals seitlich ab. Das rangniedrigere Pferd weicht dann rückwärts aus. Bei Hengsten ist zusätzlich noch ein Markieren und ein Ansteigen zu beobachten. Das Ansteigen geschieht allerdings ohne Berührungen und der Hengst, der tiefer und länger stehen bleibt, wird als ranghöchster durch diese Geste bekräftigt.

Der linke Hengst ist eindeutig höher im Rang.

Der linke Hengst ist eindeutig höher im Rang. Seinen Schwerpunkt hat er nach vorne verlagert und er hat es nicht nötig zu steigen. Der rechte Hengst weicht rückwärts aus.

Warum ist die feste Rangordnung zwischen Herden so wichtig?

Wilde Pferde ziehen nicht in einzelnen Herden durch ihre Lebensräume. Sie kommunizieren ständig mit anderen Herden und schützen sich gegenseitig bei Gefahr. Grob vereinfacht können wir uns das folgendermaßen vorstellen: Die ranghöchste Herde befindet sich in der Mitte, während die anderen Herden sternförmig um sie verteilt sind. Durch diese aufgefächerte Verteilung sind die Herden am äußeren Rand in der Lage frühzeitig die Herden im Kern zu warnen. Wird eine Bedrohung akut, ziehen sich alle Pferde zusammen und flüchten oder verteidigen sich gemeinsam. Hierbei übernimmt der ranghöchste Leithengst aller Herden die Führung. Er entscheidet, ob alle Herden fliehen oder beginnt mit der Verteidigung gegen die Beutegreifer.

Schließen sich mehrere Herden zusammen, herrscht eine klare Rangordnung. Auf diesem Bild sind drei Herden zu erkennen.

Schließen sich mehrere Herden zusammen, herrscht eine klare Rangordnung. Auf diesem Bild sind drei Herden zu erkennen.

Zwei Dinge können wir für den Umgang mit unseren Hauspferden aus dem komplexen Führungsverhalten von wilden Pferden mitnehmen.

Um Pferde zu führen, müssen wir jede Situation richtig einschätzen.
Es gibt zwei verschiedene Rangordnungen bei Pferden

Das große Problem, wenn Menschen versuchen die Leithengstfunktion zu übernehmen besteht darin, dass die meisten vom Charakter her nicht die angeborene Veranlagung haben, wie ein Leithengst, der es ohne Gewalt schafft mehrere Herden anzuführen. Bedenken wir, dass es ein einziges Tier ist, welchem bei Gefahr bis zu 600 Pferde bedingungslos folgen, bekommen wir eine ungefähre Vorstellung davon, wie charismatisch so ein Leithengst sein muss. Allein aus diesem Grund, kann das System der festen Rangordnung nicht generell von uns Menschen angewandt werden.

Aber selbst, wenn wir das Selbstbewusstsein und die Ausstrahlung hätten, wäre es wünschenswert auf diese Art und Weise mit unseren Pferden zu kommunizieren? Versuchen wir uns an dem festen Führungsstil, muss uns klar sein, dass wir nicht zur Herde gehören, sondern fremde Pferde führen. Denn innerhalb seiner eigenen Herde gibt auch der ranghöchste Leithengst seine Führungsposition zeitweise auf.

 

Übrigens: Die Rangordnung und die Struktur einer Pferdeherde ist auch stark abhängig von den Charakteren der Pferden. Mehr dazu findest du im kostenlosen eBook: Die Leithengst Lüge

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