Pferdesprache statt Konditionierung

Wenn ich zu einer Herde wilder Pferde gehe, lasse ich das Halfter in Gedanken an der Autotür hängen. Draußen, weit weg von Stallgassen und Sattelkammern, interessiert es kein Pferd, welche Art Halfter Menschen bevorzugen, ob sie eine Gerte korrekt halten oder wie viele Leckerlies sich in den Taschen verbregen. Wildpferde achten auf anderes: Energie, Abstände und Körpersprache.

Pferde sind allerdings auch unglaublich anpassungsfähig. Leben sie mit uns, akzeptieren sie unsere Welt und lernen sogar unsere Körpersprache – jedenfalls so, wie wir sie ihnen anbieten. Genau das ist der Punkt, an dem die vielen Hilfsmittel ins Spiel kommen. Ein Pferd, das von Beginn an mit Halfter, Strick, Gerte und Leckerchen trainiert wird, lernt sehr schnell, auf diese Dinge zu reagieren. Es merkt sich, wie sich der Druck am Nasenriemen anfühlt, wann die Gerte „ernst“ wird und an welcher Bewegung der Hand es erkennt, dass jetzt gleich eine Belohnung durch Futter kommt. Was dabei leiser wird, ist die Sprache, in der Pferde sich untereinander fast alles mitteilen: kleine Gewichtsverlagerungen, der Ausdruck im Gesicht, eine veränderte Energie im Raum.

Hilfsmittel reduzieren

Ein Freund hat mich einmal gefragt, wie er zu Hause mit seinen Pferden ohne Hilfsmittel wie Halfter, Strick oder Gerte zusammenleben kann. Seine eigentliche Frage war: „Wie kann ich so mit ihnen reden, dass sie mich verstehen – ohne sie ständig zu konditionieren?“ Genau das ist auch die Frage, die mich zu den Wildpferden gebracht hat. Um natürliche Kommunikation zu beobachten, braucht es Pferde, die noch nicht von Menschen auf unsere Signale konditioniert wurden. In einer frei lebenden Herde sehe ich alle Ebenen der Pferdesprache – vom vorsichtigen „Bitte nicht stören“ bis zur stillen Zusammenarbeit, wenn die Gruppe gemeinsam in ein neues Gebiet wandert. Aus diesen Beobachtungen wurde schnell klar: Kein Tier braucht ein Hilfsmittel, um ein anderes zu führen, zu bremsen, einzuladen oder wegzuschicken.

 

Schauen wir auf unsere Hauspferde, ist der Alltag oft umgekehrt organisiert. Der erste Kontakt beginnt an der Boxentür mit dem Griff zum Halfter, der zweite mit dem Einhaken des Stricks, der dritte mit dem Festmachen am Anbinder. Viele Abläufe sind in kleine Trainingspakete gepresst: putzen, führen, arbeiten, zurückstellen. Dazwischen und oft mitten hinein schiebt sich die Futterhand – ein Leckerli fürs Stillstehen, eines fürs Hufegeben, noch eines nach der Reitstunde. Es ist verständlich, dass wir so handeln: Wir wollen etwas „richtig“ machen, Sicherheit und Routinen herstellen, uns bedanken. Nur bemerken wir dabei selten, wie sehr wir die Kommunikation mit dem Pferd auf Dinge verlagern, die es in seiner eigenen Welt gar nicht braucht.

Pferd führen
Ohne Hilfsmittel wie Halfter, Seil und Gerte könne wir uns ganz auf die Köpersprache konzentrieren.

Ich selbst habe meine Pferde im Alltag in den letzten zehn Jahren nicht mit Leckerchen aus der Hand belohnt. Nicht, weil ein Stück Apfel grundsätzlich falsch wäre, sondern weil ich dafür jedes Mal zum Kopf gehen, meinen Körper drehen und damit die laufende Kommunikation unterbrechen müsste. Viele Pferde werden durch diese Futtermomente eher verwirrt: Ein Augenblick vorher sollten sie unsere Körpersprache lesen, im nächsten zählt nur noch, wie sie am schnellsten an die Belohnung kommen. Wenn ich Futter als Belohnung einsetzen wollte, ging ich mit meinem Pferd zu einem Ort, an dem wir gemeinsam etwas finden konnten – ein Apfelbaum oder eine Stelle mit besonderen Kräutern oder wir begaben uns an einen Ort, an dem wir zusammen ruhen konnten. So blieb der Fokus auf dem, was für Pferde selbstverständlich ist: gemeinsam unterwegs sein, gemeinsam fressen, gemeinsam ruhen.

Pferd und Mensch
Die "Belohnung durch Futter" nach dem Vorbild der Wildpferde.

Das heißt nicht, dass Hilfsmittel aus dem Stall verbannt werden müssen. Ein gut angepasstes Halfter ist in unserer Welt sinnvoll, ein Strick hilft, ein Pferd sicher durch enge Durchgänge zu führen, und eine Gerte kann ein verlängerter Arm sein – so wie ein Pferd seinen Hals nutzt, um Raum deutlicher zu machen. Allerdings funktioniert die Mensch zu Pferd Kommunikation besser, wenn wir nicht so tun, als ob unsere Hand eine Nase ist. Entscheidend ist aber letztendlich, an welcher Stelle der Kommunikation welche Signale auftauchen. In der Herde steht zuerst der leise Austausch: Blick, Mimik, Körperhaltung und die Struktur der Beziehung. Deutlichere Mittel kommen später, wenn das andere Pferd auf leise Signale nicht reagiert oder wenn echte Gefahr droht. Wenn wir dagegen sofort zu Strick, Gerte oder Futter greifen, überspringen wir genau den feinen ersten Teil und auch die nächsten deutlicheren Signale. Stattdessen fallen wir mit der Tür ins Haus und wundern uns, dass unsere Pferde uns mit der Zeit weniger vertrauen und nur noch auf erlernte Kommandos reagieren.

Marc Lubetzki - Wildpferde Pferdesprache statt Konditionierung
Pferde untereinander führen und lenken selbstverständlich ohne Hilfsmittel.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Pferd kommt auf dem Paddock nicht mit. Üblich ist, am Strick fester zu ziehen oder hinter der Hinterhand mit der Gerte zu wedeln. Pferdisch betrachtet wäre der Ablauf anders. Zuerst verändert das einladende Pferd seine Position, spricht eine klare Einladung aus, überprüft, ob das andere Pferd die Einladung registriert hat und wartet auf eine Antwort. Nur wenn das gefragte Pferd weiterhin gedanklich und körperlich woanders bleibt, wird das Signal geändert. So kann das erste Signal lediglich ein Blick sein und das zweite, sollten die Pferde direkt nebeneinanderstehen, ein tiefes Atmen oder eine weiche Berührung. Übertragen heißt das: Wenn ich meine Haltung, meinen Atem und meine Ausrichtung klar genug nutze, wird der Strick immer mehr zur Sicherheit im Hintergrund und immer weniger zum Steuerungsseil.

 

Das Gleiche gilt für Grenzen. In vielen Ställen erlebe ich zwei Extreme: gar keine klaren Grenzen oder sehr harte, oft über Hilfsmittel ausgedrückte Stopps. In einer natürlichen Herde sieht man etwas anderes. Eine Stute, die ihr Fohlen schützt, macht sich größer, verändert ihren Blick, stellt die Ohren um, verkürzt die Distanz – und erst wenn das nicht reicht, wird sie um ihr Fohlen zu schützen, körperlich deutlich. Danach kehrt sie sofort in eine neutrale, ruhige Körpersprache zurück. Es gibt kein Nachtragen, kein beleidigtes Schweigen. Diese Art von „Nein“ ist präzise und kurz, aber eingebettet in eine Beziehung, die von vielen „Ja‑Momenten“ getragen wird: gemeinsamer Ruhe, Fellpflege und synchronisierten Verhalten. Wenn wir anfangen, unsere Grenzen ebenso lesbar und kurz zu setzen, brauchen wir Hilfsmittel immer seltener als „Verstärker“.

Wildpferde im Abendlicht
Beziehungspflege nach Pferdeart: einfach nebeneinanderstehen.

Vielleicht ist der wichtigste Schritt weg von der Hilfsmittel‑Abhängigkeit gar kein technischer, sondern ein zeitlicher. Wild lebende Pferde nehmen sich viel Zeit füreinander. Sie stehen nebeneinander, dösen, beobachten, ohne dass jede Minute „genutzt“ werden muss. Diese Zeit ist kein Luxus, sie ist die Grundlage ihrer Beziehungen. Wenn ich Menschen ermutige, zu Hause etwas zu ändern, schlage ich deshalb oft zuerst vor, ihren Pferden wieder mehr Zeit zu schenken. Nicht im Sinne zusätzlicher Trainingseinheiten, sondern als stille Anwesenheit: neben ihnen stehen, mit ihnen atmen, ihren Rhythmus wahrnehmen. Aus dieser Stille heraus wird Körpersprache ganz von allein feiner – und Hilfsmittel rücken an ihren Platz. Sie werden zu gelegentlichen Unterstützern statt zu ständigen Übersetzern.

Exmoor Pony im Exmoor Nationalpark
Auch wild lebende Tiere nutzen manchmal Hilfsmittel.
Soziale Fellpflege Pferd und Mensch
Ausnahmen bestätigen die Regel: Fado genießt das Kratzen mit einer Harke.

„Mensch bleiben – und pferdisch sprechen“ bedeutet für mich, dass wir unsere Fähigkeiten nicht verleugnen müssen. Wir dürfen sprechen, denken, planen, wir können Hilfsmittel erfinden und Strukturen bauen, die Pferden das Leben mit uns erleichtern. Gleichzeitig dürfen wir uns die Mühe machen, ihre Sprache so gut zu lernen, dass wir nicht jeden Satz durch Seil, Gerte oder Futter „übersetzen“ müssen. Je mehr wir in unseren Pferdebeziehungen auf natürliche Signale setzen – Blick, Abstand, Atem, Berührung zur richtigen Zeit und in der passenden Intensität – desto weniger werden wir von Hilfsmitteln abhängig. Und desto öfter erleben wir etwas, das kein Zubehör leisten kann: dass ein Pferd kommt, bleibt und mitmacht, weil es unsere Einladung versteht – nicht, weil wir es dazu konditioniert haben.

Gemeinsamkeiten entdecken

Am Ende geht es nicht darum, alles wegzulassen, sondern das Wesentliche nach vorne zu holen. Die Sprache der Pferde ist überall gleich – ob in der Wildnis, auf der Weide hinterm Haus oder im kleinen Offenstall am Dorfrand. Wenn wir bereit sind, ihnen in dieser Sprache zu begegnen, wird jedes Stück Ausrüstung automatisch leiser. Und dann merken wir: Das stärkste Hilfsmittel tragen wir immer bei uns – unseren Körper, unsere Präsenz und die Bereitschaft, wirklich zuzuhören.

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