„Um das Verhalten von Pferden zu verstehen, braucht es drei Zutaten: viele Herden, sehr viel Zeit und unendlich viel Liebe.“
Erste Begegnung mit Wildpferden
Monate pro Jahr Wildpferde‑Forschung
verschiedene Gebiete für Beobachtungen
Jahre eigene Pferdehaltung
Wir sollten Pferde nicht dominieren, sondern uns der Verantwortung bewusst sein, die wir für sie haben. Die Verantwortung dafür, wie viel Natürlichkeit und Freiheit in ihrem Leben Platz findet.
Was viele Menschen bis heute leider grundlegend missverstehen: Der Mittelpunkt eines Pferdes ist nicht der Mensch, sondern seine Herde. Nur wenn sich Pferde in ihrer Umgebung wohlfühlen, ist es als Mensch möglich, eine gute Beziehung zu ihnen aufzubauen.
Über viele Jahre habe ich in Gesprächen mit Pferdemenschen immer wieder das Gleiche gehört. Und auf meine konkreten Fragen habe ich nie klare Antworten bekommen – nur Meinungen, Gewohnheiten und abstrakte Theorien.
„Das machen wir hier schon immer so.“
„So steht es in den Richtlinien.“
„Bei meinem Pferd hat es funktioniert.“
Das ist etwas, dass mich bis heute verfolgt: Das Pferde sich leider mit diversen Methoden leicht zum „Funktionieren“ bringen lassen und das Pferde, die in eine Box eingesperrt sind, einfacher verfügbar sind. Aber funktionierende Pferde, die den letzten Glanz von Freude und Freiheit aus ihren Augen verloren haben, das war und ist für mich nicht akzeptabel.
Vieles von dem, was ich zu Beginn über Pferde gelernt habe, schien nicht zu stimmen. Denn Verhaltens‑, Haltungs‑ und Gesundheitsprobleme waren allgegenwärtig.
Was mich besonders traurig machte – und das tut es immer noch – sind die vergessenen 23 Stunden am Tag, in denen unsere Pferde weitgehend auf sich allein gestellt sind. Es ist wie ein blinder Fleck, über den oft hinweggesehen wird. Aus den Augen aus dem Sinn. Im Idealfall steht ein Pferd dann mit Artgenossen zusammen. Aber lebt es wirklich in einem Umfeld, das seinen Grundbedürfnissen entspricht?
Auf der anderen Seite ist da die eine Stunde am Tag, in der Pferde intensiv genutzt werden. Dort wird dann vom Menschen erwartet, dass das Pferd funktioniert. Sofort und genau auf Kommandos reagiert und dabei eine vertrauensvolle Beziehung zum Menschen aufbaut.
Was ich aber bei unseren Hauspferden sehe, ist eine Form der erlernten Hilflosigkeit statt Vertrauen. Das ist sehr schade – denn es geht auch anders.
Auf die kurze Zeitspanne der Anwesenheit des Menschen richten sich die meisten Bemühungen: Bewegung durch Longieren, Bodenarbeit und Zirkuslektionen oder eine Dressurstunde in der Reithalle. Es werden Futterpläne optimiert, Zusätze ausprobiert, Trainingsmethoden diskutiert und Ausrüstung perfektioniert.
Der Löwenanteil der Zeit – die Zeit, welche Pferde in ihrer Pferdefamilie und ihrem Lebensraum, dem Stall verbringen – werden oft hinten angestellt oder mit einem Satz abgetan: „Da kann ich ja nichts dran ändern.“
Was viele leider nicht beachten: Gerade diese 23 Stunden entscheiden, ob ein Pferd ausgeglichen und gesund ist, ob es normales Verhalten zeigt und in der Lage ist, klar und fein zu kommunizieren – oder eben nicht.
Irgendwann reichte es mir nicht mehr, an denselben Stellen nach Lösungen zu suchen, an denen die Probleme entstehen. Ich griff wieder zur Kamera, mit der ich schon als junger Mensch unterwegs war. Aus ersten Reit‑ und Gesundheitsfilmen wurde Schritt für Schritt eine Reise zu den Pferden, die ihre Welt noch selbst gestalten: zu wild lebenden Herden.
Was ich dort sah, ließ mich nicht mehr los: Herden, die die selten entstehenden Konflikte ohne Drama lösen. Pferde, die ihren Lebensraum mit Weitblick für ihr Wohlbefinden nutzen. Eine Kommunikation, die gleichzeitig schlicht und fein ist. Gruppen, die Schwache schützen, Unerfahrene anleiten, Fehler verzeihen – und trotzdem klare Regeln haben. Und jedes Pferd bleibt dabei es selbst.
Wenn ich heute auf meine Wildpferde‑Erkenntnisse und unsere Erfahrungen mit Hauspferden blicke, weiß ich:
Wir könnten ein viel einfacheres, sorgenfreieres und freudigeres Leben mit Pferden haben, wenn wir Wildpferden zuhören würden und das Gelernte Schritt für Schritt in den Alltag unserer Hauspferde holen.
Für mich bedeutet das, mich so zu verhalten, dass die Pferde mich möglichst als eines von vielen Herdenmitgliedern wahrnehmen. Ich trete nicht hervor, lenke nicht, bestimme nichts. Ich beobachte, wie sie miteinander umgehen, Entscheidungen treffen, ihren Tag gestalten. Je weniger ich eingreife, desto ehrlicher ist das Bild, das sie mir zeigen – und desto genauer kann ich später erklären, was Pferde wirklich brauchen.
Körperkontakt ist für Pferde etwas sehr Bedeutungsvolles. Deshalb streichle ich Wildpferde nicht und suche keinen Kontakt, nur weil ich ihn gerne hätte. Wenn Nähe entsteht, dann, weil die Pferde auf mich zukommen: sie schnuppern, stehen dicht, streifen mich im Vorübergehen. So bleiben sie innerlich frei und unabhängig. Gleichzeitig bekomme ich ein ehrliches Bild davon, wie sie von sich aus Kontakt aufnehmen und Grenzen zeigen.
Futter zu geben, würde vieles verfälschen: Verhalten, Beziehungen in der Herde und ihre Strategien, mit der Umgebung klarzukommen. Die Pferde sollen ihr Futter selbst suchen – so wie sie es ohne mich auch tun würden. Nur dann kann ich sehen, wie sie ihre Wege wählen, welche Flächen sie nutzen, wann sie ruhen, wie sie Ressourcen teilen. Diese Eigenständigkeit ist ein wichtiger Teil ihrer Gesundheit und ihres sozialen Gleichgewichts.
Viele feine Signale der Pferde übersehen wir, weil wir reden, bewerten, kommentieren. In der Stille verändert sich das. Wenn ich nichts sage und möglichst leise bin, treten kleinste Ohrspiele, Blickwechsel, Gewichtsverlagerungen und Atemveränderungen in den Vordergrund. Ich kann dann Zusammenhänge erkennen, die zu Hause im Geräusch des Alltags untergehen. Schweigen ist für mich eines der wichtigsten Werkzeuge, um Pferde wirklich lesen zu lernen.
Ich möchte die Welt der Pferde nicht nur verstehen, sondern auch schützen. Deshalb hinterlasse ich möglichst keine Spuren: keinen Müll oder andere zurückgelassene Gegenstände, keine beschädigten Pflanzen und keine aufgescheuchten Tiere. Ich nehme nur Bilder, Filme und Gedanken mit und verhalte mich so ruhig, dass der Alltag der Herden unverändert weiterlaufen kann. So bleibt ihr Lebensraum so unberührt wie möglich – und ich kann mit gutem Gefühl wiederkommen.
Wenn ich bei wilden Herden bin, halte ich mich an klare Prinzipien. Diese Prinzipien sind für mich Ausdruck von Respekt vor der Welt der Wildpferde – und vor der Einladung, die sie mir aus ihrer Mitte aussprechen.
"Um in die Welt der Pferde einzutreten, musst du nach ihren Regeln spielen."
Marc Lubetzki
Um wilde Pferde wirklich zu verstehen, reicht ein kurzer Besuch mit dem Teleobjektiv nicht. Mein Ziel ist es, über längere Zeit Teil einer Herde zu sein – wochenweise in verschiedenen Lebensräumen zu bleiben, Vertrauen aufzubauen, mit den Herden zu ziehen und ihr Verhalten über Jahre zu dokumentieren.
Ich begleite derzeit regelmäßig wild lebende Pferdeherden in 19 unterschiedlichen Gebieten, zu allen Jahreszeiten. Von eisigen Winterstürmen über die Frühjahrsaktivitäten mit Fohlengeburten bis hin zum Tod.
Die Schwerpunkte meiner Beobachtungen liegen zurzeit auf Sozial- und Fressverhalten und Vergleichen von Populationen und Jahreszeiten. Je nach Gebiet lege ich den Fokus dabei entweder auf einzelne Tiere, bestimmte Gruppen oder einen Herdenverband.
Ich laufe dafür nicht stumpf hinter den Pferden her, sondern signalisiere ihnen, dass ich in ihre Herde aufgenommen werden möchte. Der Großteil meiner Aufnahmen entsteht erst, nachdem ich Teil ihrer Gemeinschaft geworden bin.
Im Sommer 2012 passierte es das erste Mal. Ich folgte mit gebührenden Abstand einer kleinen Herde bereits seit einigen Tagen. Nach einer längeren Fressphase zogen die Pferde weiter. Ich hatte noch mit meiner Ausrüstung zu tun und blieb zurück. Zu meiner Verwunderung folgte der erfahrene Althengst seiner Herde nicht, sondern stellte sich zwanzig Meter vor mir auf. Im ersten Moment rutschte mir das Herz in die Hose. Doch dann fühlte ich seine freundliche Absicht. Was ich dann erlebte war erstaunlich: Das Ritual der Einladung in eine Herde.
An dem Tag wusste ich noch nicht, was da wirklich passierte. Dieses Verhalten wurde noch nie zuvor beobachtet und dokumentiert. Auch ich habe erst hinterher verstanden, was dort geschah. Und was ich damals auch noch nicht ahnte: Die Einladung in eine Herde war für mich der Beginn, um Pferde wirklich zu verstehen. Eine Welt, die uns aus dieser Perspektive bisher verborgen war.
Vielleicht kennst du das: Im Stall entstehen schnell viele Meinungen, Methoden und „Tipps“. Inmitten all dessen halte ich mich an ein paar klare Leitlinien, die ich von den Wildpferden übernommen und mit unseren eigenen Pferden weiter entwickelt habe.
Sie helfen mir, im Alltag gelassen zu bleiben, genauer hinzuschauen und Entscheidungen im Sinne der Pferde zu treffen – egal ob es um Haltung, Umgang oder die tägliche Kommunikation geht.
Pferde leben nicht im Takt unserer Termine. Verstehen, Umlernen und Gesundwerden braucht Zeit. Manchmal ist der wichtigste Schritt, innerlich langsamer zu werden und den Pferden diesen Raum wirklich zu geben.
Bevor ich an Lektionen denke, schaue ich auf den Alltag: Herde, Stall & Weide, Bewegung und Ruhe. Wenn diese Basis pferdegerecht ist, lösen sich viele Trainingsprobleme – und der Rest wird spürbar leichter.
Bevor ich etwas mit einem Pferd tue, schaue ich hin: Körpersprache, Stimmung, Emotionen, Aktionen und Reaktionen. Oft zeigen kleine Signale schon, wo es hakt – noch bevor wir ins „Machen“ gehen.
Techniken helfen nur, wenn die Beziehung sie trägt. Ein Pferd, das sich sicher fühlt, lernt leichter, bleibt offener und ehrlicher. Deshalb stehen Vertrauen und Klarheit für mich immer vor Methoden oder Übungen.
Pferde brauchen Herdenanschluss, Bewegung und Wahlmöglichkeiten. Wo unser Alltag Grenzen setzt, suche ich Kompromisse, die beiden Seiten gerecht werden – im Zweifel steht aber immer das Pferd vor dem Menschen.
Es gibt selten die eine richtige Lösung. Wichtiger ist, immer wieder zu fragen: Kommt das näher an die Natur des Pferdes heran? Viele kleine, praktische Schritte zählen mehr als eine unrealistische Idee.
Mein Wunsch ist, dass Pferdemenschen lernen, die Bedürfnisse von Pferden wirklich zu verstehen: ihre Lebensinhalte, das Verhalten, das daraus entsteht, und die feine Kommunikation, mit der sie alles miteinander abstimmen.
Wer beginnt, aus dem Blickwinkel der Pferde zu schauen, trifft andere Entscheidungen – im Alltag, im Stall, im Training.
In der Haltung bedeutet das im Idealfall: Pferde in einer Umgebung leben zu lassen, die einem kleinen Naturschutzgebiet ähnelt. Offenstallstrukturen mit ganzjährigem 24/7 Weidezugang, abwechslungsreiches Gelände, verschiedene Rückzugsorte und viele Sozialkontakte. Pferde sollen Teil eines lebendigen Ökosystems sein.
Im Umgang heißt es: Wir werden klarer, leiser und ehrlicher. Weniger Druck, weniger „funktionieren müssen“, mehr Zuhören, Beobachten und feine Signale wahrnehmen. So entsteht eine Beziehung, in der Pferde sich sicher fühlen und aus eigener Wahl mit uns zusammenarbeiten.
Meine erste Begegnung mit wilden Pferden hatte ich im Sommer 1986 als Jugendlicher auf einer Bergtour mit meinem Vater. Fünf Jahre später lernte ich meine heutige Frau Eike kennen und wir ritten gemeinsam durch die Türkei. Nach diesem Erlebnis startete ich meinen beruflichen Werdegang mit Pferden.
Zwei Jahre Klassische Reitausbildung bei Bent Branderup in Bodenarbeit, Handarbeit und Reitkunst.
2001 Gründung eigener Sattlerei - Herstellung und europaweiter Vertrieb von über 1.000 Maßsätteln.
Umschulung zum Kameramann und Produktion von mehr als 500 Lehrfilmen über Pferdeausbildung, Gesundheit und Umgang.
13 Jahre dokumentierte Langzeit-Beobachtungen bei wild lebenden Pferdeherden in 19 verschiedenen Gebieten.
Davon 13 Jahre nach dem Vorbild von natürlichen Lebensräumen der Wildpferde.
Weitergabe von Erkenntnissen & Erfahrungen in wöchentlichen Videos in der Masterclass inklusive monatlichen Fachvorträgen.
Was als stille Feldforschung begann, wuchs zu Büchern, Vorträgen, Schulungen und Ausstellungen mit den Beobachtungen, die ich bei den Wildpferden gemacht habe. Dass diese Erkenntnisse und meine Erfahrungen heute in TV, Kino, Museen und auf Messen ihren Platz finden – und dank vieler interessierter Pferdemenschen sogar zu Spiegel‑Bestsellern wurden – erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.
NDR – DAS! Rote Sofa
Schleswig-Holstein Magazin
ARD- live nach Neun
SWR – Nacht-Cafe
WDR – Wunderschön
Austellung – Deutsches Pferdemuseum
Sonderaustellung – Hansepferd
Fachvorträge – VFD, Bund der Jugendfarmen & Aktivitätsspielplätze, Pferdemuseum, Hansepferde, u.v.m
Neben Fachartikeln für diverse Pferde-Zeitschriften, habe ich Interviews für bekannte You-Tube Channels oder Podcast gegeben.
Lieber Herr Lubetzki, „Im Kreis der Herde“ ist ein wunderbares Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Es legt aus meiner Sicht eine wichtige Basis für ein anderes, gewaltfreies Miteinander von Mensch und Pferd und hilft, viele Missverständnisse zu lösen.
Ihre Susanne Katzer
Viele Jahre haben unsere eigenen Pferde den Alltag von meiner Frau Eike und mir geprägt – unser Lebensmittelpunkt war ein kleiner Pferdehof in Schleswig‑Holstein. Unsere Pferde haben wir mit teils erheblichen Vorerkrankungen wie Hufrehe, Blindheit oder starken Verhaltensauffälligkeiten aufgrund schlechter Haltung übernommen. Trotzdem wurde unser ältestes Pony 44 Jahre alt, unser Rehepony konnte über 20 Jahre ganzjährig 24/7 auf die Naturweide und ich möchte mit ein wenig Stolz behaupten: Alle unsere fünf Pferde konnten so frei wie in Deutschland möglich leben.
Diese über 30 Jahre mit eigenen Pferden haben uns geprägt und uns dazu gemacht, wer wir heute sind und wie wir denken. Nachdem im November 2025 unsere letzten beiden Pferde über die Regenbogenbrücke gegangen sind, hat sich unser Leben gravierend verändert. Die unbekannte Stille und Leere auf den Paddocks und der Weide war zuerst fast unerträglich. Aber ein paar Wochen später haben wir realisiert, dass wir ohne die Verantwortung für eigene Pferde in Zukunft gemeinsam auf längere Reisen gehen können. Wohin unsere Wege uns führen werden, wissen wir heute noch nicht. Aber auf jeden Fall werden wir Wildpferde und Pferdefreunde besuchen.
Unsere Arbeit soll ihren Weg zu dir und deinem Pferd finden. Es wird mehr Filme über Pferdeverhalten und Reise‑Reportagen geben, Beiträge mit anderen Experten und Pferdemenschen vor Ort sowie – durch die Begleitung meiner Frau Eike – in Zukunft auch vertiefende Einblicke in die Pflanzenwelt und Nahrung der Pferde sowie alternative Heilmethoden und die natürliche Pferdegesundheit geben.
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