Marc Lubetzki Tierfilmer

5 DINGE DIE ICH VON WILDPFERDEN GELERNT HABE

Viele Reiter sagen, dass die besten Lehrmeister die Pferde sind. Und auch ich habe viel von meinen Pferden gelernt. Noch mehr lernte ich allerdings von den Wildpferden, bei denen ich gelebt habe.

Was ich von den Wildpferden gelernt habe, unterscheidet sich sehr von dem, was ich von meinen Reitpferden gelernt habe. So stand bei meinen Pferden zu Hause lange Zeit das Reiten im Vordergrund. Das eine Pferd war besonders wendig und energievoll, sodass ich daran arbeiten konnte, meine Hilfengebung schneller und dosierter einzusetzen. Ein anderes Pferd war in allen Gangarten angenehm zu sitzen, sodass ich meinen Sitz verbessern konnte. Und so sorgte ein Pferd nach dem anderen dafür, dass ich mich beim Reiten immer wohler fühlte. Selbstverständlich versuchte ich genauso meinen Pferden durch ein natürliches Umfeld mit Gruppenhaltung ein schönes Leben zu bieten. Da Pferde sehr genügsam und anpassungsfähig sind, habe ich erst durch meine Beobachtungen bei Wildpferden bemerkt, dass in der Haltung und in der Alltagskommunikation genauso viele Optimierungen wie bei der Hilfengebung in der Pferdeausbildung möglich sind.

#1 PFERDE SIND NICHT NUR STEPPENTIERE

Als ich mich das erste Mal auf den Weg zu Wildpferden machte, hatte ich viele typische Lehrmeinungen im Kopf. Angefangen von der Theorie, dass Leitstuten ihre Herde zu den besten Weidegebieten führen, bis hin dazu, dass Wildpferde dreißig bis fünfzig Kilometer pro Tag wandern, um Nahrung zu finden und diese überwiegend aus Gras besteht. Aber selbst wenn wir uns eine klassische Steppe ansehen, finden wir dort neben einer Vielzahl an Gräsern auch Sträucher und in günstigen Lagen sogar kleine Wälder.

Steppe

Durch Trockenheit oder wasserdurchlässige Böden können Steppen entstehen.

Marc Lubetzki

Durch ein gemäßigtes Klima entstehen größere Wälder und eine strukturreiche Vegetation.

Analysieren wir dagegen typische Weideflächen von Hauspferden, finden wir dort fast nur Gras. Natürlicherweise würde auf den nährstoffreichen Böden in Deutschland bei üblichem Niederschlag eine höhere und strukturreichere Vegetation entstehen. Die Strauch- und Baumschicht würde den überwiegenden Teil der Fläche einnehmen.

Grassteppen entstehen durch Wassermangel und die Beschaffenheit des Bodens. Weideflächen durch das Abholzen von Wäldern.

Marc Lubetzki

Tatsächlich leben aber nur wenige Wildpferde in steppenartigen Gebieten. Die meisten Wildpferde finden wir gemäßigten Lebensräumen. Dort nehmen durch die höheren Niederschläge Sträucher und Bäume viel Raum ein. Die Gräser wachsen spärlicher und werden teilweise von Büschen überlagert. Insgesamt ist die Vegetation in den feuchteren Lebensräumen also üppiger und nährstoffreicher, aber auch gröber. Die dort vorhandenen Pflanzen wären eine viel bessere Nahrung für unsere Hauspferde als energiereiche Gräser. Daher finde ich es gefährlich, Pferde darauf zu reduzieren, dass sie Steppentiere sind. Genau genommen sind Pferde Pflanzenfresser, die, solange der Mensch die Vegetation nicht künstlich verändert, in vielen Klimazonen gut zurechtkommen.

Image

Gemeinsames Grasen mit Wildpferden in einem Waldgebiet.

#2 GRASEN IST MEHR ALS NAHRUNGSAUFNAHME

Das Pferd ist als Pflanzenfresser viele Stunden am Tag mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Verhaltenstechnisch besteht dabei ein großer Unterschied zu uns Menschen. Abgesehen davon, dass wohl jeder von uns aus allen Nähten platzen würde, würde er so viel Nahrung zu sich nehmen wie ein Pferd, gelten bei Pferden auch andere „Tischregeln“. Wir Menschen sind es gewohnt, gemeinsam zu essen. Im besten Fall versammelt sich die ganze Familie zum geselligen Essen am Küchentisch und neben dem Essen erfolgt eine angeregte Unterhaltung.

Bei Pferden ist das anders. Während der Nahrungsaufnahme werden die sozialen Interaktionen reduziert. Lediglich regelmäßiger Blickkontakt zu den Herdenmitgliedern hält die soziale Gemeinschaft zusammen. Direkte Interaktionen sind eher die Ausnahme. Weshalb wir unsere Pferde beim Fressen auch nicht unnötig stören sollten. In den sozialen Phasen des Tages wird das noch deutlicher. Nimmt ein Pferd jetzt direkten Kontakt zu einem anderen Pferd auf und dieses hat kein Interesse an einem sozialen Austausch, wird es, wenn es beginnt zu Grasen nicht weiter belästigt. Dieses Grasen können wir als Mensch übrigens hervorragend imitieren und so ein aufdringliches Pferd problemlos auf Abstand halten. In der MASTERCLASS findest du zahlreiche Videos zu diesem Thema.

Masterclass Marc Lubetzki

Die natürliche Kontaktaufnahme zu einen Pferd zeige ich dir ausführlich in der MASTERCLASS.

#3 EINSAMKEIT IST SCHLIMMER ALS DER TOD

Der Tod gehört in der Natur genauso zum Leben wie die Geburt. Beides sind in einer Herde emotionale Momente. Stirbt ein Pferd, macht es einen Unterschied, ob das unerwartet passiert oder ob ein Pferd, wie in den meisten Fällen aus Altersgründen oder weil es verhungert langsam stirbt. Bei einem plötzlichen Tod wie einem Wolfsriss oder was häufiger vorkommt, einem Verkehrsunfall, fallen die Pferde, die eine enge Beziehung zum gestorbenen Tier hatten, für eine Weile in eine Art Schockzustand und durchlaufen ähnlich wie wir Menschen verschiedene Trauerphasen. Halt gibt ihnen dann ihre Herde. Fehlt ihnen die Herde, weil diese auseinandergerissen wurde oder von einer kleinen Herde nur ein Pferd überlebt hat, verschlechtert sich ihr Zustand rapide. Durch den Mangel an Schlaf und die langen Phasen der Wachsamkeit zeigen sich schnell erste Anzeichen von Erschöpfung. Daher suchen Pferde, die ihre Herde verloren haben bereits nach kurzer Zeit sogenannte Rendezvousplätze auf.

Das machen sie im Übrigen auch, wenn sie nur den Anschluss an ihre Herde verloren haben. Dort warten sie dann auf andere Pferde. Da Pferde extrem soziale Tiere sind und es nicht ertragen können, dass ein Pferd alleine ist, wird das wartende Pferd entweder von einer vorbeiziehenden Herde zu sich eingeladen oder kann sich ihnen zumindest anschließen. Dieses Sozialverhalten der Pferde nutze auch ich als Mensch, wenn ich alleine in der Wildnis unterwegs bin, um in eine Herde aufgenommen zu werden. Wie ich das mache, erzähle ich in der Folge Einladung in die Herde in meinem Podcast Expedition Pferd.

Pferde im Galopp

Die Herde flieht.

Marc Lubetzki Wildpferde

Ich habe den Anschluss verloren.

Wildpferdehengst

Der Hengst wartet auf mich.

#4 HENGSTE SIND SOZIALER ALS STUTEN

Vor den Hengstbegegnungen in freier Wildbahn hatte ich am meisten Bedenken. Kein Wunder, wurde mir über Jahre von den unterschiedlichsten Pferdeprofis immer wieder eingetrichtert, dass ich einem Hengst gegenüber keine Schwäche zeigen dürfte und die Rangordnung zu jeder Zeit klar und eindeutig sein muss. Nun hatte ich zwar in den über zwanzig Jahren, die ich zuvor beruflich mit Pferden zu tun hatte kein einziges Mal ein „Hengstproblem“ und dennoch war da dieses mulmige Gefühl vor meiner ersten Begegnung mit einem Wildpferdehengst.

Mir war bewusst, dass es etwas anderes ist, einem Hengst, der in einer Herde mit Stuten und Nachwuchs lebt, gegenüberzutreten, als einen Reit- oder Zuchthengst aus seiner Box zu holen. Daher vertraute ich auf mein Bauchgefühl und beschloss mich unterzuordnen. Rückblickend war das eine meiner besten Ideen. Dadurch lernte ich nicht nur, dass eine Rangordnung innerhalb einer Herde keine Rolle spielt und ich durfte erleben, was es bedeutet, einem Pferd zu vertrauen. Niemals werde ich das Gefühl von Sicherheit und Gemeinschaft vergessen, das ich spürte, als ich die erste Nacht in einer Herde schlief, während der Althengst direkt neben mir Wache hielt.

Pferde in der Ruhephase

Gegen Ende der Nachtruhe setzt langsam die Dämmerung ein.

Vertrauen können wir am besten lernen, indem wir unseren Pferden vertrauen.

Marc Lubetzki

Das Bild von Hengsten ist bedingt durch die meist isolierte Haltung vollkommen verzerrt. In der Natur sind Hengste die Pferde mit den meisten Sozialkontakten. Während die Stuten sehr viel Zeit für ihr eigenes Fohlen aufbringen und besonders im Frühjahr einen hohen Energiebedarf haben und daher ihre Fressphasen ausdehnen, sorgen die Hengste für den sozialen Zusammenhalt. Dabei beschränken sie sich nicht nur auf ihre eigene Herde, sondern pflegen zusätzlich Kontakte zu ihren Nachbarherden. Stuten haben dagegen kaum direkten Kontakt zu Pferden aus anderen Herden.

Wildpferdehengst

Hengste haben die meisten Sozialkontakte.

Hengst mit Nachwuchs

Der Nachwuchs lernt lange, bevor er Aufgaben übernimmt..

#5 ES DAUERT VIELE JAHRE BIS PFERDE FÜHRUNG ÜBERNEHMEN

In der Pferdeausbildung wollen wir Menschen die Führung übernehmen. Ein Reitschüler lernt meist bereits in den ersten Unterrichtsstunden, wie man durch Körpersignale ein Pferd lenkt und es durch Lektionen wie Rückwärtsrichten unterordnet. In der Natur dauert es dagegen viele Jahre, bis ein Pferd das erste Mal Führung übernimmt. Junge Hengste lernen über Wochen von ihren Vätern, wie sie Stuten aus ihrer Herde lenken und vor allem in welchen seltenen Situationen das überhaupt angebracht ist.

Und rückwärts? Ein rückwärts weichendes Pferd habe in einer Herde noch nie gesehen. Der einzige Fall, in dem ein Pferd in der Natur vor einem anderen rückwärts weicht, ist eine ritualisierte Begegnung zwischen zwei Herdenhengsten. Wobei das Ausweichen das optische Signal zur Bestätigung ist. Dieses in der Pferdeausbildung durch den Einsatz einer Gerte oder eines Strickes künstlich zu erzeugen, kann schnell nach hinten losgehen. Daher fände ich es viel besser, wenn wir uns, bevor wir anfangen, unseren Pferden Lektionen beizubringen, uns mit pferdegerechter Haltung, natürlichem Verhalten und Alltagskommunikation beschäftigen. Die beste Möglichkeit dafür ist meine MASTERCLASS. Dort kannst du Schritt für Schritt in die Welt der Pferde hineinwachsen. Neben über 150 Videos, die aufeinander aufbauen, kannst du in den LIVE-Meetings individuelle Fragen stellen.

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